| Interview mit Christian Brändle, Dezember 2005 |
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Es sprachen Alice Jaeckel und Silvia Scherz (NDK Curating) mit Christian Brändle, Direktor des Museums für Gestaltung Zürich, Dezember 2005
Der Spardruck zwingt zu Flexibilität und Anpassungen. Inwiefern wirkt er sich auf die Ausstellungsplanung und –gestaltung aus? Nur mässig. Der Ausstellungsetat beträgt, im Verhältnis zum Gesamtetat, nur 10 bis 15%. Die Hauptausgaben, d.h. ca. 80%, werden für Personal, die Sammlungen, für Miete und Material aufgewendet. Da das Ausstellungsbudget ohnehin sehr knapp bemessen ist, wäre es falsch, hier noch mehr Einsparungen machen zu wollen. Wo wird der erhöhte Spardruck im kommenden Jahr (1,75 Mio. Einsparungen) vor allem spürbar sein? Diese 1,75 Mio. entsprechen 38% unseres Budgets. Wir sind nicht in der Lage, diesen Betrag mit einer Rasenmähermethode, also linear über alle Bereiche verteilt, einzusparen. Das Museum besteht aus 3 Hauptabteilungen: Das Stammhaus an der Ausstellungsstrase, die 4 Sammlungen und das Museum Bellerive. Das Museum für Gestaltung Zürich ist das Flaggschiff mit internationalem Ansehen und unsere Sammlungen stellen ein historisches Erbe dar. Deshalb werden weder die Sammlungen noch das Museum für Gestaltung dem Spardruck ausgesetzt. Hingegen ist die Situation des Museums Bellerive kritisch. Dank beachtlichen Erfolgen in der Drittmittelbeschaffung sind wir heute aber zuversichtlich, alle Abteilungen, wenn auch nicht mehr im bestehenden Umfang, weiter führen zu können. Es gibt ja eine bestimmte Erwartung der Politik im Hinblick auf hohe Zuschauerzahlen, wo finden Sie dies gerechtfertigt und wo würden Sie dies als problematisch ansehen? Es ist gerechtfertigt, denn wir machen unsere Arbeit für die Öffentlichkeit. Und es muss auch unsere Aufgabe sein, eine breite Öffentlichkeit für unsere Inhalte zu sensibilisieren. Hier ist durchaus ein bildungspolitischer Anspruch vorhanden. Ich finde diese Erwartung solange gerechtfertigt, wie sie sich durch eine geschickte und attraktive Programmation erreichen lässt. Design, visuelle Kommunikation und Architektur sind unsere Inhalte und denen muss Rechnung getragen werden. Sobald jedoch inhaltsfremde Publikumsmagnete eingebaut werden, finde ich die Konzeption nicht mehr sauber. Das heisst, wenn die Inhalte so zurechtgebogen werden, dass es nicht mehr um die Sache selbst, sondern einzig um erhöhte Besucherzahlen geht. Ein solcher Druck ist allerdings seitens der Politik nicht vorhanden, das wäre im Übrigen auch unklug. Denn ein verwässertes Profil führt mittelfristig zu einem Publikumsrückgang. Wie sehen Sie den Vermittlungs- und Bildungsauftrag des Museums im Verhältnis zur Unterhaltung? In einem grösseren Massstab gedacht, sind wir im Unterhaltungs- und Bildungssektor tätig. Unsere „Konkurrenz“ ist das Kino, andere Museen oder im Sommer die Badeanstalt. Wir wollen unseren Gästen in ihrer Freizeit ein hochstehendes Programm bieten. Selbstverständlich fordern wir unseren Gästen mehr ab, als ein Hollywoodstreifen, aber wir engagieren uns dafür, dies auf eine attraktive und angenehme Weise zu tun. Wie ist generell die Zusammenarbeit mit der Wirtschaft bezüglich Sponsoring und Partnerschaften? Auf dem Sponsoringmarkt ereigneten sich dramatische Verschiebungen. Vollkommen verschwunden ist das Mäzenatentum, zumindest in Zürich, in Basel ist es anders. Heute läuft es so, dass wir Sponsoring, das auf einem sinnvollen Gegengeschäft beruht, verfolgen. Beispielsweise haben wir ein Patronat für die Digitalisierung unserer Plakate mit der Allgemeinen Plakatgesellschaft abschliessen können. Die Firma möchte digitale Bildsujets, die sie in ihren Präsentationen verwenden kann. Wir wiederum benötigen digitale Daten, um den Bestand unserer gesammelten Plakate aufzuarbeiten. So profitieren beide Partner voneinander. Wie profitieren Wirtschaftsunternehmen von Ausstellungen? Gerade bei Designausstellungen erfahren die betroffenen Produzenten eine Nobilitierung ihrer Produkte, wenn sie in den Ausstellungen genannt werden. Nicht selten werden wir von Produzenten angefragt, ob sie das Vorhandensein ihrer Produkte in unserer Design-Sammlung in ihren Präsentationen erwähnen dürfen. Ist es heute so, dass alle Branchen der Wirtschaft für ein Sponsoring angefragt werden? Demgegenüber sind wir grundsätzlich offen. Einzig, dass der Design Award von Lucky Strike Junior, einer Zigarettenfirma, gesponsort wurde fand ich eher heikel. Schliesslich ist diese Ausbildungsstätte der Bildungsdirektion unterstellt. Auch die Firmen wollen heute sehr präzise wissen, mit welcher Kulturinstitution sie zusammenarbeiten. Und sie wünschen sich einen hohen Identifikationswert, der mit dem Museum mitschwingt. Ist Kultur als Lehr- und Vermittlungsgebiet grundsätzlich vom Spardruck mehr betroffen als andere Bereiche? Ich denke schon. Im Sanierungsprogramm 2004 wurden prozentual tatsächlich die meisten Massnahmen in der Bildungsdirektion vollzogen. Kultur und Bildung sind „soft factors“, die sich erst mittel- bis langfristig auszahlen werden. Obschon sie einen der wichtigsten Rohstoffe der Schweiz darstellen, sind sie leider bei einem rauen Wirtschaftsklima als erste von Sparmassnahmen betroffen. Wie ist überhaupt die Ausstellungskonzeption für das Museum Bellerive im Vergleich zum Museum für Gestaltung? Das Museum für Gestaltung betreut die Fachbereiche Industrial Design, visuelle Kommunikation wie Grafik, Plakatgestaltung und Fotografie und Architektur (Städtebau). Das Museum Bellerive lotet die spannende Grenze zwischen Design und Kunsthandwerk aus. Es gibt ja Produkteklassen, die sich nicht eindeutig zuweisen lassen. Das Museum Bellerive ist zur Zeit das letzte Haus in der Schweiz, das diesen Bereich noch pflegt. Zu den Sammlungen: In welchem Verhältnis stehen Ankäufe zu Schenkungen? Unser Ankaufsbudget ist marginal, es befindet sich im fünfstelligen Bereich für alle Sammlungen (Grafik-, Design-, Plakat- und Kunstgewerbesammlung). Schenkungen werden innerhalb der Sammlungen immer wichtiger. Wir werden oft angefragt für Schenkungen, prüfen diese Anfragen aber immer eingehend. Schliesslich muss die Schenkung ja inventarisiert, konserviert und archiviert werden, mit einer 100-Jahresperspektive. Wir bedingen uns bei Schenkungen jetzt aus, einen Teil davon auch wieder veräussern zu dürfen, Doubletten beispielsweise. Generell ist es wichtig zum aktuellen Zeitpunkt „im Jetzt“ zu sammeln, wenn beispielsweise beim Design die interessanten Objekte auch tatsächlich noch verfügbar sind. Wie ist die Zusammenarbeit mit anderen Institutionen? Die öffentlichen Mittel sind knapper geworden. Entsteht dadurch mehr Solidarität oder mehr Konkurrenz unter den Ausstellungshäuser? Solidarität ist in diesem Kontext ein eher romantischer Ausdruck wir sind schon eher Konkurrenten oder Mitbewerber. Tatsächlich streben wir Koproduktionen und Kooperationen an, auch Europaweit. Im Vorfeld muss man sich genau überlegen, ob man eine Ausstellung wanderfähig macht, sprich eine Wanderausstellung konzipieren kann. Es ist tatsächlich ein reger Markt dafür vorhanden. Gerade bei der Katalogproduktion lassen sich die Kosten erfolgreich teilen. Als Beispiel nenne ich die Ausstellung „Gottfried Semper“, die wir mit der Neuen Sammlung München zusammen realisierten. War dies auch bei der Burri- Ausstellung der Fall? Die Burri-Ausstellung ist teilweise eine Übernahme von Magnum. Sie ist zuvor in Milano, Lausanne und Paris gezeigt worden. In Zürich wurde die Ausstellung jedoch massgeblich erweitert. Erfreulicherweise hat nun Peking sein Interesse für diese neue gesamte Ausstellung angemeldet. Die Burri-Ausstellung löste durchwegs positive Resonanz aus. Ist es so, dass Fotoausstellungen am meisten Erfolg haben, wenn „grosse Namen“ geboten werden? Im Vergleich zu thematischen Ausstellungskonzeptionen? Eine Ausstellung, welche bei den Gästen unmittelbar über den Titel das Interesse weckt, ist latent erfolgreicher als etwas Neues, Unbekanntes. Am liebsten mögen die meisten Leute das sehen, was sie bereits teilweise kennen. Das klingt etwas polemisch, ist aber eine Realität. Der erste Schritt in der Kunst des Ausstellungsmachens liegt darin, die Leute über den Titel ins Museum reinzuholen. Sind sie einmal über die Schwelle dieses Hauses eingetreten, kann man ihnen ohne weiteres neue spannende Inhalte vorlegen. Harald Szeemann war sicherlich der grosse Meister auf diesem Gebiet, er hat neben vielen anderen gezeigt, dass es möglich ist eine Ausstellung auf inhaltlich höchstem Niveau zu machen, die sinnlich, intelligent und medial frisch auftritt. Und so kann man die Leute auch gewinnen. Anstelle einer hauseigenen Begleitpublikation liegt ein Band vom Phaidon Verlag auf. Ist das auf die Sparmassnahmen zurückzuführen? Ein Buch auf diesem Niveau wird erst ab 5000 Exemplaren wirtschaftlich. Somit war klar, dass wir die Publikation von Phaidon übernehmen. Hätten wir selbst auch noch Eines produziert, hätten wir die Produktionskosten niemals zu decken vermögen. Wir haben einen sehr kleinen Verlag. Wenn wir einen Ausstellungskatalog realisieren, soll er auch gestalterisch einmalig sein. Welche Eigenschaften sollte ein guter Kurator mitbringen? Offene Augen, offene Ohren und eine offene Nase. Die Bereitschaft und Fähigkeit einen Inhalt in unterschiedlichen Sprachen also für alt–jung, vorgebildet–Laie usw. zu vermitteln. Er muss fähig sein, eine Botschaft so runterzubrechen, damit sie der Museumsbesucher verstehen kann. Ein guter Kurator ist ein guter Übersetzer, ein guter Vermittler. Er ist auch ein Entdecker, der die Fähigkeit besitzt, die Neugier seiner Gäste für seine Funde zu entfachen. Mit wem erarbeiten sie jeweils das Jahresprogramm? Wir entwickeln dies in unserer Programmkommission, hier wird das Ausstellungsprogramm erarbeitet. Alle drei Wochen findet die Kommission zusammen und diskutiert über die anstehenden Themen. Diese Themen werden jeweils sehr kontrovers diskutiert. Wir überprüfen auch immer wieder unsere Haltung dem betreffenden Thema gegenüber. Holen Sie manchmal auch Gastkuratoren ans Haus? Nein. Es gibt den Fall, dass wir eine Ausstellung übernehmen und diese ist dann von einem externen Kurator kuratiert. Oder wir definieren ein Thema, überlegen uns dann, wer auf diesem Feld kompetent ist und fragen diese Fachperson als Ko- Kurator an. Hingegen sollte man Projektleitung und kuratorische Tätigkeit nicht auseinanderreissen, sondern idealerweise in Personalunion festlegen. Wie ist die Zusammenarbeit zwischen Schule und Museum? Wir verstehen uns als ein Schaufenster, das Geschichten von aussen ins Haus holt und ausstellt. Wir verstehen uns teilweise auch als Botschafter, der die Inhalte der Schule der Öffentlichkeit vorstellt. Beispielsweise wollen wir die Leute dafür sensibilisieren, dass es sich sehr wohl lohnt gutes Design zu kaufen. Das Museum ist keinesfalls eine Schaubühne für studentische Arbeiten, da ist das öffentliche Interesse schlicht zu klein. Aber wir überlegen uns bei jedem Ausstellungsprojekt, welche inhaltlichen Teilpakete wir den Studenten übergeben können. So wie auch bei der Burri-Ausstellung, wo wir die Fachklasse für Visuelle Kommunikation fürs Plakat angefragt haben. Die Studenten haben es entworfen und es ist sehr gut gelungen. Etwa 20'000 von unseren Ausstellungsbesuchern sind Studenten. Das ist ein knapper Drittel aller Besucher. Natürlich wünsche ich mir, dass die Zahl steigt. Ich habe den Anspruch, dass jede unserer Ausstellungen von jedem Studenten einmal gesehen wird. Es ist wichtig, dass die Professoren im Unterricht auf die Themen des hausinternen Museums verweisen. Navigation |
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