Marius Babias im Gespräch mit Bernd Milla und Heike Munder, Gründer der "halle_für_kunst" Lüneburg, Dezember 2000 (Es handelt sich um eine Wiederveröffentlichung aus Kunstforum International Band 152, Oktober – Dezember 2000, Seite 459, Kunstforum-Gespräche)
Das Chamäleon des Millenniums
Bernd Milla und Heike Munder gründeten als ehrgeiziges Kuratorenteam 1995 in Lüneburg den Kunstverein "halle_für_kunst", der sich auf die aktuelle junge Kunst konzentriert und auf drei Ebenen operiert: Ausstellungen in jeweils wechselnden Orten, ein Vermittlungsprogramm mit Vorträgen und Video-Vorführungen sowie Auftritte im Internet (www.lueneburg.net/hfk). Aus der Not wurde eine Tugend gemacht. Über kein festes Ausstellungshaus und Budget verfügend, versteht sich der Kunstverein als flexible Plattform für unterschiedliche und jeweils sich neu verbündende Akteure des Kunstbetriebs. Am zuletzt größeren Ausstellungsprojekt "[re: songlines]" zum Themenfeld Kultur-Politik-Ökonomie, das von der Jürgen Ponto-Stiftung gefördert wurde, nahmen u.a. Nina Fischer & Maroan el Sani, Mathilde ter Heijne, Henrik Olesen, Silke Wagner teil. Organisatorische Flexibilität und Offenheit der künstlerischen Ansätze erzeugen aber möglicherweise an anderer Stelle ein Problem, in der Frage der Haltung. Aus den "vermittelnden Produzenten" (HM) drohen Chamäleons der Kreativitätsideologie zu werden.
Marius Babias: Ihr habt beide Kulturwissenschaft in Lüneburg studiert. Woraus hat sich für euch die Notwendigkeit ergeben, einen Kunstverein zu gründen, der weder über einen festen Ort noch über ein gesichertes Budget verfügt?
Bernd Milla: Anfangs ging uns es darum, Ideen einen Rahmen zu geben. Das Modell "Verein" war zunächst einmal eine formale Lösung. Es hat eine verbindliche Form und gibt uns die Möglichkeit, eine Vielfalt von unterschiedlichen Projekten zu realisieren, die beispielsweise in einer Galerie nicht möglich gewesen wären. Ich denke da an unser Vortragsprogramm oder das Symposium "Tatort Kunstverein" im letzten Herbst. Natürlich bietet ein Kunstverein auch die Chance, mit wesentlich mehr KünstlerInnen zusammenzuarbeiten und unterschiedliche Positionen vorzustellen, da man nicht an einen kommerziellen Marktaspekt gebunden ist. Ich denke an unsere Gründungsveranstaltung im Mai 1995 mit Jesko Fezer, Judith Hopf, Axel John Wieder und Marion von Osten. Drei Tage lang wurde das Verhältnis zwischen privatem und öffentlichem Raum ausgelotet, oder die Performance mit Georgina Starr und Oliver Hangl.
Heike Munder: Wir hatten die Vorstellung von "vermittelnden Produzenten" im Kopf, die eine Plattform für Ideen anbieten, die von unterschiedlichen Akteuren bespielt wird. Ein Verein ist für uns in erster Linie ein wichtiges kommunikatives und im Kunstfeld durchsetzungsfähiges soziales Gefüge, das sich je nach personeller Zusammensetzung und je nach der inhaltlichen Ausrichtung der Aktivitäten verändern kann. Die Gründung eines Vereins war zudem die einzige nicht-kommerzielle Möglichkeit, sich rechtlich abzusichern. Wahrscheinlich würden wir heute eine Mischform aus Verein und Galerie eröffnen, da die öffentliche Hand in Niedersachsen unterstützende Projektmittel vorsieht, während die Basisfinanzierung fehlt. Vor fünf Jahren lag der Markt noch brach, und unsere Projekte waren kommerziell nicht verwertbar. Natürlich war damals unser Konzept mit der Idee verbunden, dem klassischen Ausstellungsraum zu entfliehen und ein anderes Publikum anzusprechen. Der Kunstverein in München oder der Friesenwall in Köln versuchten damals ähnliches. In diesem Kontext ist auch unsere Diskussionsrunde auf der Messe 2ok in Köln im Herbst 1995 zu sehen, in der es um ökonomische und rechtliche Rahmenbedingungen im projektorientierten Kunstbereich ging.
BM: Was die Ortlosigkeit des Vereins angeht, so hat das viele Vorteile. So können wir situativ auf die Kunst und die Bedürfnisse der KünstlerInnen eingehen und den jeweils adäquaten Ort oder Raum dafür suchen. Das kann ein klassischer White Cube, ein Plattenladen oder wie bei unserem Projekt LUNAPARK schlicht die Fußgängerzone sein. Letzteres realisierten wir mit Studierenden der Universität Lüneburg und den Kunstakademien Braunschweig, Frankfurt, Nantes und Maastricht. Durch die wechselnden Locations werden die Besucher zu Flaneuren in ihrer eigenen Stadt. Unsere Projekte legen sich rhizomartig über die Stadt.
HM: Zusätzlich wird die regionale Netzwerkbildung gefördert. Leider bringt die Raumsuche auch Probleme mit sich. Zum einen sind langfristige Planungen schwierig, zum anderen haben wir festgestellt, dass ein fester Anlaufpunkt zur Identitätsbildung eines Vereins und eines kontinuierlichen Publikums sehr wichtig ist. Sonst würde es bei einem exklusiven Verein bleiben, der sich bei "Bernd & Heike" trifft. Um diese einseitige Identitätsbildung, die sehr stark an unsere Personen gebunden ist, aufzubrechen, haben wir seit Anfang diesen Jahres einen festen Ausstellungsort. Diese Räume dienen als Basis von halle_für_kunst e.V., mit der Option, weiterhin an verschiedenen Orten innerhalb und außerhalb Lüneburgs aktiv zu sein.
MB: Wenn man den akademisch recht neuen Studiengang Kulturwissenschaft als eine Art Theorie des Kulturmanagements begreift, ergeben sich für die Praxis prekäre ökonomische Konsequenzen. Ist eure halle_für_kunst eine selbstfinanzierte ABM-Maßnahme?
HM: Das wäre schön. Doch leider ist unsere momentane Tätigkeit eher als scheinselbständig zu bezeichnen denn als freiberuflich oder gar in einem festem Arbeitsverhältnis stehend, also hohes symbolisches Kapital bei geringer ökonomischer Absicherung. Die Kulturwissenschaften in Lüneburg verfolgen einen interdisziplinären Ansatz: Geistes- und Sozialwissenschaften werden gepaart mit der Ausbildung einer eigenverantwortlichen Produzentenrolle. Ausgebildet werden vermittelnde Kulturproduzenten, welche die klassische Teilung der Arbeit durchbrechen – was einen großen Unterschied zum Kulturmanagement darstellt und auch im Kontrast zum bisherigen Monopol der KunsthistorikerInnen steht. Der Studiengang bietet uns ein großes Potenzial an engagierten Helferinnen und Helfern, wie die Vorbereitung zu unserer Gruppenausstellung [re: songlines] gezeigt hat. Mittlerweile werden sie uns als heiß gehandelte PraktikantInnen abgeworben.
MB: Viele KuratorInnen rekrutieren sich aus dem Arbeitslosenheer ehemaliger KulturwissenschaftlerInnen. Hat man euch im Studium nicht das Einmalseins des Neoliberalismus beigebracht?
BM: Das hört sich ja an, als gäbe es massenweise Kuratorenstellen auf dem Markt. Wo sind sie bitte? Oder meinst du etwa Assistenten, die sich heute gerne auf Visitenkarten als "Kuratoren" bezeichnen?
HM: Was meinst du mit Einmalseins des Neoliberalismus? Fast scheint es, als würdest du ein phantomhaftes Schreckgespenst der Ökonomisierung entwerfen. Wir können dich beruhigen, wir wollen uns nicht völlig einem "Diktat der Ökonomie" unterordnen. Davon abgesehen, ist der Ausbruch aus klassischen Mustern nicht gleichzusetzen mit einer Hinwendung zu fragwürdigen Ideen des Neo-Liberalismus. Die meisten Jobs heutzutage resultieren doch aus selbst gezimmerten "Bastelkarrieren", und dies ist bei weitem nicht nur negativ zu sehen, sondern kann sich ungemein produktiv auswirken. Natürlich sehen wir darin auch ein Gefahrenpotenzial, aber wie sonst sollten bestehende Strukturen und Hierarchien verschoben werden? Außerdem gilt es, mit den Widersprüchen zu leben und sie zu nutzen, anstatt alles durch die ideologische Brille zu sehen.
MB: Wie finanziert ihr euch eigentlich privat?
BM: Unsere Finanzierung stützt sich leider nur auf Projekthonorare. Und dann gibt es natürlich noch Nebeneinkünfte wie Autorenhonorare, Lehraufträge, etc. – mit steigender Tendenz.
MB: Die halle_für_kunst agiert zwar im teilöffentlichem Interesse, hat aber kein öffentliches Mandat. Von Projekt zu Projekt müssen Ausstellungsorte gefunden und Gelder beantragt werden – diesem Prinzip folgten auch die klassischen Produzentengalerien. Seht ihr euch in dieser "gegenöffentlichen" oder "alternativen" Tradition?
BM: Wir haben zwar kein öffentliches Mandat wie etwa eine Staatliche Kunsthalle oder eine Städtische Galerie, doch fühlen wir uns einem öffentlichen Auftrag verbunden. Denn wir erhalten vom Land Niedersachsen eine beachtliche Jahresprogrammförderung und weitere Mittel von der Stadt Lüneburg. Zudem sehen wir es auch als unsere Aufgabe an, hier kulturpolitisch aktiv zu sein, denn wir fühlen uns für die kulturelle Entwicklung der Region mit verantwortlich. Hier gibt es weder eine Städtische Galerie noch sonstige öffentliche Einrichtungen für zeitgenössische Kunst.
HM: Wir haben im "alternativen" bzw. "gegenöffentlichen" Kontext angefangen, Einrichtungen wie Künstlerhaus Stuttgart, Botschaft e.V., Friedensallee e.V. , etc. waren durchaus Vorbilder. Inzwischen haben wir aber persönlich zunehmend Schwierigkeiten mit polarisierenden Begrifflichkeiten wie "gegenöffentlich", "alternativ" oder "traditionell". Uns scheinen sie veraltet und den aktuellen Verhältnissen nicht mehr adäquat. Es scheint, als würde man kein Risiko eingehen und sich auf die eine oder andere Seite in Sicherheit bringen wollen. Es geht doch wohl in erster Linie darum, Strukturen zu nutzen um mit ihnen zu arbeiten, anstatt dogmatische Positionen zu forcieren. Wenn wir an unsere Anfänge denken, so standen sie in einer selbst organisierten alternativen Tradition. Wo keine Strukturen für unsere Arbeit vorhanden waren, haben wir sie uns selbst geschaffen. Nun haben wir sie und arbeiten daran, die Heterogenität der Produktionsbedingungen zu zeigen.
MB: Hübsch formuliert. Der Vereinsfolder der halle_ für_kunst ähnelt einer Werbebroschüre für Investmentbanking. Es fehlen aber Angaben über die zu erwartende Performance. Was hat man davon, wenn man in einen virtuellen Kunstverein investiert?
BM: Natürlich ist die Broschüre Werbung, sonst würde sie ihren Zweck verfehlen. Da wir eine kurzfristige Planung haben, kann die Broschüre nicht laufend dem Programm angepasst werden. Die "zu erwartende Performance" wird regelmäßig über E-Mail, Pressemitteilung, Website und Einladungskarten verbreitet. Ich denke, das genügt. Anders formuliert: 20 bzw. 60 DM Jahresbeitrag sind keine Investition, sondern machen dich zum Teil des halle_für_kunst-Clubs, der versucht, die neuesten Entwicklungen aufzuspüren. Kaufst du dir denn nie Überraschungseier?
MB: Das letzte Mal, als ich ein Überraschungsei gekauft habe, war ich sieben Jahre alt. Kann die Trägerstruktur eines Kunstvereins, egal wie semi-professionell, offen oder flexibel sie auch erscheinen mag, überhaupt dem Problem der Institutionalisierung entkommen?
HM: Natürlich gibt es immer die Notwendigkeit eines Korrektivs, aber einen reinen Oppositionskurs zu fahren, würde am System nichts ändern. Institutionskritik außerhalb einer Institution wäre überhaupt nicht möglich. Grundsätzlich gibt es ab einer gewissen Professionalisierung immer das Problem der Institutionalisierung, aber das Vermittlungsmodell "Kunstverein" ist ja auch kein starres Gebilde, sondern wird von der jeweiligen lokalen Situation geprägt. Ein Wechsel der Leitung, des Vorstands, usw. kann da eine völlig neue Ausgangslage schaffen.
BM: Sobald man weg kommt von einer museumsorientierten Arbeitsweise hin zu einer Auseinandersetzung mit aktuellen gesellschafts- und kulturpolitischen Themen, sehe ich eine Institutionalisierung auch nicht als Gefahr. Das Problem liegt nicht in der Organisationsstruktur, sondern eher in den Erwartungen der Finanzgeber und deren oftmals umständlichen Verfahrensweisen, die uns in einen Verwaltungsapparat verstricken, aus dem man sich immer wieder befreien muss. Wir versuchen in dem von uns erarbeiteten Rahmen zu agieren, um mit konkreten Vorschlägen schwierige Sachverhalte zur Diskussion zu bringen. Derzeit arbeiten wir an einer Verbesserung der Situation der Stipendiatenstätten in Niedersachsen.
MB: Ein weiterer Widerspruch betrifft die an euren Projekten beteiligten KünstlerInnen; sie sind sowohl in selbstverwalteten Kontexten als auch im traditionellen Kunstbetrieb zu Hause. Ist "künstlerische Haltung" das Chamäleon des Millenniums?
HM: Ich weiß nicht, was du hast, das Chamäleon ist doch ein äußerst interessantes Tier, das sich über Jahrtausende Tarntechniken erworben hat und das sich – im Gegensatz zu anderen Tieren – frei in seinem Terrain bewegen kann. Uns liegt sehr wenig daran, dogmatisch Inhalte zu vertreten, wir versuchen der Entwicklung von Ideen Raum zu geben, und dazu gehören auch Widersprüche. Wir versuchen von festgefahrenen Dogmen Abstand zu halten und uns die Distanz für neue Bewertungen zu erhalten. Schließlich ist die Kunstgeschichte kein stringentes, sondern ein sich immer wieder modifizierendes Feld.
MB: Je komplexer, globaler und kollektiver die Produktion, desto bestimmender wird die durch informationelle, kulturelle und sprachliche Fertigkeiten gekennzeichnete Kategorie der Organisation als Maßstab des Reichtums, analysieren Toni Negri und Maurizio Lazzarato. "Immaterielle Arbeit" sei folglich die Fähigkeit, produktive Kooperationen in Gang zu setzen und neue Mehrwert-Abschöpfungen der Subjektivität zu generieren. Wieso meldet ihr euch freiwillig an die postfordistische Front?
HM: Was gibt es spannenderes, als durch Kooperationen kommunikative Prozesse in Gang zu setzen? Wenn diese durch dritte weitergetragen oder durch uns aufgenommen werden, ist es um so besser. Für uns gibt es kein Zentrum und keine Peripherie im übertragenen Sinne, wir bewegen uns irgendwo dazwischen. Dementsprechend lesen wir Toni Negri anders, dass es eben nicht darum geht, sich in eine rein ökonomische Logik drängen zu lassen, sondern durch erneute Differenzierungen verschüttete Ressourcen freizulegen und Utopien Raum zu geben.
MB: In gewisser Weise beutet ihr die eigene Subjektivität aus. Welchen Anteil hat die Aussicht auf eine Individualkarriere in eurer Motivationsskala?
BM: Natürlich beuten wir die eigene Subjektivität aus. Wie sonst soll kulturelle Produktion funktionieren? Auf welche Mittel sollten wir oder andere Akteure denn zurückgreifen? Selbstausbeutung ist das Kapital der Kulturschaffenden. Was die Individualkarriere betrifft, so haben wir bislang sehr viel Wert darauf gelegt, in kooperativen Strukturen zu arbeiten. Durch den internen Diskurs ergibt sich ein reflektierter und ein qualitativer Output, der im Alleingang sicher nicht so zu erzielen wäre. Im übrigen erscheint es uns zeitgemäßer, im Team zu arbeiten. Um aber nochmals auf deine anfangs gestellte Frage zurückzukommen, weshalb wir überhaupt einen Kunstverein gegründet haben: Mit keiner anderen privaten Institutionsform lässt sich so unabhängig und beweglich auf neue Strömungen des Kunstfelds reagieren. Wo sonst kann man Projekte durchführen, ohne einem direkten ökonomischen Druck bzw. reinen Rentabilitätsgesichtspunkten ausgesetzt zu sein? Nicht zu vergessen, dass man durch "Mitglieder" sich ein Stammpublikum erarbeiten kann, welches unser Programm kontinuierlich verfolgt und hinter der Institution steht. Wie wichtig diese Bindung ist, kann man daran sehen, dass mittlerweile jedes Museum einen eigenen Verein anbietet. Diese konstruktive Arbeit mit einem qualifizierten Publikum interessiert uns und macht die Lebendigkeit unserer Institution aus. Es ist daher auch weiterhin unser Ziel, mit halle_für_kunst e.V. eine offene Struktur zur Verfügung zu stellen, von der aus in diese Richtung weitergearbeitet werden kann.
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